AlternsWissenschaftliche Gesellschaft Vechta e.V.
     

 

  Abstract...

Dipl. Geront. Alexander Künzel

Thema: "Vom Heimträger zum Anbieter umfassender sozialer und pflegerischer Dienstleistungen"

Dinosaurier faszinieren! Als regelrechte Modewelle erlebt der ihnen innewohnende Mythos aktuell eine beeindruckende Renaissance. Diese gewaltigen und beherrschenden Organismen in ihrer monumentalen Größe haben in den Phantasien unserer Kinder einen festen Platz. Nur leider - Dinosaurier sind tot!

Als historischer Beweis hingegen für die unabdingbare Notwendigkeit von Anpassung an sich verändernde Welten sind Dinosaurier auch heute höchstlebendig. Auch noch so scheinbar kraftvolle Größe garantiert nicht das Überleben in sich verändernder Umwelt. Was erlaubt dieses Bild an nutzbaren Assoziationen für die Ausleuchtung der heutigen Situation, in der sich viele Heimträger befinden?

Nun, im Memorandum Altwerden 2000 "Selbstverantwortung und Gemeinschaft" werden die Zukunftschancen vieler Heimträger als Resultat von der Fähigkeit zur Entwicklung in Frage gestellt. Es muß sich erst "zeigen, ob sich die Lebensweltorientierung, Selbstbestimmung und Individualisierung einerseits und die Logik der großen Pflege- und Hilfeinstitutionen andererseits ausschließen".

Vom Heimträger zum Anbieter umfassender sozialer und pflegerischer Dienstleistungen - dieses Thema beschreibt also Strategien zur Veränderung und damit zur Zukunftssicherung traditionell etablierter Organisationen.

Selbstkritische Analyse

Ist denn vergeblich und gar objektiv falsch, was in der Vergangenheit von vielen grossen Trägern geleistet wurde? Schon der apologetische Unterton dieser Frage weist in die Irre, weil er unterstellt, daß sich Legitimation im Morgen aus Verdiensten im Gestern herleiten liesse. Just solche Selbstrechtfertigung, eingekleidet in den Mantel der Tradition, verschlingt unendliche Energien vieler Träger, die doch so dringend benötigt würden für das kraftvolle Eröffnen neuer Horizonte und Märkte.

Wer das Leistungsprofil eines typischen bundesdeutschen Heimträgers in der Wohlfahrtspflege unbestechlich und nüchtern mit folgenden Prüfkriterien konfrontiert, wird schnell erkennen, wohin die Reise gehen muss und in welche Richtung aber auch wirklich alle Energien zu konzentrieren sind:

  • Dominiert noch immer die Betriebsorganisation und Betriebsphilosophie des Trägers die Interessen der Bewohner und/oder Kunden?
  • Wird die scheinbar einfache Monostruktur verteidigt gegenüber pluraren Ausdifferenzierungen? Hütet der Träger sorgfältig harte Grenzen gegenüber der Normalität des Gemeinwesens?
  • Wird eigene Leistungserbringung bevorzugt gegenüber Kooperation und Koproduktion?
  • Gibt es eine Sensibilität für die Brutalität von Institutionseffekten gegenüber individuell verantworteten Lebensentwürfen?

Eine wirkliche Neu-Bewertung notwendig

Wer den hier gestellten Fragen nichts Anstössiges entnehmen kann, sei noch einmal darauf verwiesen: Große veränderungsresistente Heimträger tragen wie der Mythos Dinosaurier ihr Verfallsdatum in sich. Wer es mit Neu-Bewertung ernst meint, wird zugestehen, daß die Organisationslogik großer Träger, unterstützt durch den Regelungswahn staatlicher Bürokratie, es nur ungenügend vermag, den Anspruch auf Selbständigkeit der Lebensführung auch in Situationen wachsender Unterstützungsbedürftigkeit des Einzelnen durchzusetzen.

Leitend muß wie im Memorandum Altwerden 2000 sein, daß "Selbstbestimmung und Selbstverantwortung von den Hilfeinstanzen als Grundprinzip von Lebensgestaltung im Alter" auch bei Pflegebedürftigkeit anzuerkennen sind.

Um es provokant zuzuspitzen: auch mit verdoppeltem personellen und materiellen Ressourceneinsatz ist es höchst unwahrscheinlich, daß den totalen Institutionen der Heimträger eine Demokratisierung der Lebenswelten ihrer Betroffenen gelingen könnte.

Wer es mit Neubewertung hingegen ernst meint, wird folgende Kriterien anerkennen müssen:

  • Vernetzung vor Einzelleistung
  • Pluralismus vor Institutionsmacht
  • Kooperation in der Pflege vor Monopolen
  • Integration von Selbsthilfe und Ehrenamt vor Hauptamt.

Ökonomische Logik im Einklang mit sozialer Modernisierung

Vielleicht mag es ein glücklicher Zufall der Ökonomisierungslogik sein - die sogenannte Diversifikation der Angebote mit im Ergebnis höherer Produkttiefe (so formulieren Marktetingstrategen) begünstigt den Prozess sozialen Wandelns der Heimträger!

Bis in den DEVA hinein gab es jahrzehntelang kein wirkliches Integrieren von ambulanter und stationärer Altenhilfe. Gröblich vernachlässigend die Vielfalt realer Lebenswirklichkeiten, konnte man sich - wie weite Teile der Altenhilfe überhaupt - ein sauber sortiertes Schema-Denken leisten. Wenn denn schon nicht aus innerer Überzeugung, so halt heute aus ökonomischer Logik gebietet sich die Veränderung hin zum "Anbieter umfassender sozialer und pflegerischer Dienstleistung". Netzwerke entstehen erst auf der Basis gegenseitigen Respekts, den große Träger vor kleinen Initiativen und ehrenamtlichen Organisationen zu zeigen haben - sozusagen als ideelles Tauschgeschäft zwischen Wirklichkeitsnähe und Ideenvielfalt von den Graswurzeln und der materiellen Stärke der Dinosaurier; denn genau dies meint der Begriff Symbiose.

Hoffnung zum Schluss

Wahrscheinlich bedurfte es tatsächlich erst der ökonomischen Krise des Sozialstaats, um Gestaltungschancen zu eröffnen.

Wer also ambulant und stationär verbündet statt segregiert, wer Angebote immer wieder neu hinsichtlich ihrer Institutionswirkung und Denormalisierung überprüft, wer letztlich damit auch wirtschaftlich plurale Arbeitsfelder setzt, sichert seine eigene Tradition im Prozess der Modernisierung!

Und wer aus Ängstlichkeit oder selbstgerechter Ignoranz zu spät kommt, den bestraft die Fülle des Lebens.

 

 
   © KKW-Media