AlternsWissenschaftliche Gesellschaft Vechta e.V.
     

 

  Abstract...

Dipl. Geront. Yvonne Hummel

Thema: "Ich-Integrität - Ausgewählte Konzepte und Methoden ihrer Förderung im Alter"
(Versöhnung des alten Menschen mit seinem gelebten Leben)

Auswahl diskutierter Gesichtspunkte der Diplomarbeit im Aufbau- und Ergänzungsstudiengang Gerontologie der Hochschule Vechta, vorgelegt am 15.01.2000

Der Begriff "Ich-Integrität" im Sinne E. Eriksons umschreibt als positives Ergebnis der psychosozialen Krise des reifen Erwachsenenalters idealtypisch die versöhnte Haltung des älteren Menschen seinem Leben gegenüber, das er, auch in physischen, psychischen, sozialen und historischen Begrenztheiten, als ein kohärentes Ganzes annehmen möchte. Wie allerdings der Mensch möglicher Verzweiflung über Ungelebtes bzw. Gescheitertes in seinem Leben versöhnend begegnen soll ohne sich in eine beschönigende Lebenslüge zu flüchten, läßt das Konzept Eriksons offen. Darüber hinaus ist kritisch anzufragen, ob Ich-Integrität, die Erikson als Resultat einer lebenslang gelungenen Persönlichkeitsentwicklung denkt, tatsächlich denen vorbehalten bleiben soll, die die vorhergehenden Lebenskrisen erfolgreich gemeistert haben. Eine wichtige geragogische Aufgabe könnte darin zu sehen sein, den einzelnen Menschen, der sich fragend der Auseinandersetzung mit seinem gelebten Leben stellt, zu unterstützen und ihm Möglichkeiten einer versöhnten Selbstannäherung zu eröffnen. Dabei steht Altersbildung im Spannungsfeld von individueller und gesellschaftlicher Bildung: Sie wird einerseits zu personseitigem privaten Bemühen ermutigen, andererseits kritisch gerontologische Theorien, gesellschaftliche Strukturen und öffentliche Orientierungen anfragen müssen, die möglichem Wachsen von Ich-Integrität entgegenstehen. Zu solch wenig förderlichen Umweltbedingungen zählen u.a. positive und negative Altersstereotype, die weitgehende Ausblendung von Verlusterfahrungen, Krankheit und Todesfurcht im gesellschaftlichen Diskurs und freizeitkulturelle Angebotsformen, die eine Auswertung von Lebenssinn und -verlauf sowie den Anstoß zu selbstreflexiven Lernprozessen vermissen lassen: Eine Identitätsbildung jenseits des Ausfüllens sozioökonomischer Rollen ist gefordert.

Empirische Daten belegen die Plastizität der Persönlichkeit im Alter: das Individuum hat in dynamischer Interaktion mit seiner Umwelt einen Spielraum zur Mit- und Selbstgestaltung seiner Entwicklung. So bedeutet es akkomodative Flexibilität, wenn Belastungssituationen akzeptiert, Ziele und Prioritäten neu gesetzt und Verluste sinnstiftend umbewertet werden.

Die Konzepte Logotherapie und christlicher Glaube sowie die Methoden Erinne-rungsarbeit und Bibliotherapie werden als Angebote zur Akkomodation auf den Beitrag hin untersucht, den sie zur Annäherung an Ich-Integrität im Alter leisten können.

Das logotherapeutische Konzept V.Frankls, das die selbsttätige Sinnfindung des Menschen da unterstützen möchte, wo er glaubt, an Sinngrenzen zu stoßen, rechnet und arbeitet mit der geistigen Freiheit und Macht des Menschen gegenüber den psychophysischen Realitäten seines Lebens ("Trotzmacht des Geistes"). Ausgegangen wird von der absoluten Werthaftigkeit des Lebens unter allen Umständen. Der Mensch hat zwar Leid und Frustrationen, er ist aber nicht mit ihnen identisch sondern bleibt auch gegenüber dem unvermeidbaren Leid, der unausweichlichen Schuld und dem unentrinnbaren Tod ein potentiell Werdender, der die Freiheit hat, seine Situation zu gestalten, indem er versucht, die jeweils in ihr verborgene Sinnfrage durch Entwicklung von Einstellungswerten zu beantworten. Dies ist ein - je nach Schwere des Schicksals und der Qualität der persönlichen Ressourcen - erheblicher Anspruch an die Bewältigungskapazität des (alten) Menschen. Es bedarf u.U. therapeutischer Praxisbegleitung, um dem Betroffenen den geistigen Freiraum bewusst zu machen der dem gegenüber möglich ist, wovor der Mensch glaubt im Sinne einer Negativbilanz resignieren zu müssen. In der Tat belegen Suizidraten und festgestellter erhöhter Fernsehkonsum der älteren Menschen als Indikatoren für Lebensüberdruß und Langeweile Handlungsbedarf.

Der spezifische Beitrag, den der christliche Glaube zur Annäherung an Ich-Integrität leisten kann, liegt nach theologischer Anthropologie darin, dass, weil Gott den Menschen unbedingt achtet, menschliche Selbstachtung und Selbstannahme auch möglich sind angesichts eigenen Ungenügens und Scheiterns. Im christlich begründeten Vertrauen darauf hat der Mensch das Angebot, ohne Harmonisie-rungsdruck befreit ("erlöst") auch zu dem zu stehen, was er als fragmentarisch in seinem Leben empfindet. Er kann es vom geglaubten liebenden Gott anschauen und verwandeln lassen. Diese Entlastung vermag schöpferische Liebesenergien freizusetzen für die Zuwendung zum Mitmenschen und zur Schöpfung - ein Verhalten, das Erikson als Hinweis auf Ich-Integrität deutete. Empirische Befunde im anglo-amerikanischen Sprachraum belegen positive Auswirkungen intrinsisch motivierter Religiosität auf die psychophysische Gesundheit, die Bewältigungskapazität und Sinnfindung älterer Menschen. Wie Untersuchungen im Köln-Bonner Gebiet (Fürst/Wittrahm/Severin 1997) erkennen lassen, erhöhen kritische Lebensereignisse dabei den Bedeutungsgrad persönlich akzentuierten Glaubens an den partnerschaftlichen Gott.

Erinnerungsarbeit und Lebensrückschau können - wenn sie nicht durch eine Flucht vor Konfrontationen mit der Gegenwart motiviert sind - zur Neuattribuierung des gelebten rsp. ungelebten Lebens beitragen und so die Identität des alten Menschen in der Gegenwart stützen. Dabei scheint die Wahrnehmung und Reflexion früherer Lebenserfahrungen und Identitäten beizutragen zu versöhnter Selbstannäherung und Selbsttranszendenz.

Biblio- und Poesietherapie wollen durch die Auseinandersetzung mit gestalteter Sprache den vielleicht verstummten Menschen erreichen und ihn anstoßen, sich seine Befindlichkeit einzugestehen und kreativ mit ihr umzugehen. Diskret werden geistige Beweglichkeit und Bewältigungsvermögen herausgefordert sowie der Sinnhorizont geweitet, wenn der alte Mensch sich lesend mit dem beschäftigt, was ihm bislang fremd oder angstbesetzt erschien. Zumindest für Menschen, bei denen Lesen und Schreiben zum lebensgeschichtlichen Habitus gehören, sind so Möglichkeiten zur Selbst-begegnung, -erweiterung und -versöhnung eröffnet.

Die Vorstellung von Ich-Integrität, der bejahten Identität des letzten Lebensabschnitts, sollte - auch wenn ihr utopische Momente anhaften - gerade in Zeiten der Individualisierung geragogisch bedacht werden. Ein Einbringen der vorgestellten Konzepte und Methoden ist in dem Maße denkbar, in dem - Bereitwilligkeit und Autonomie des betroffenen älteren Menschen vorausgesetzt - mit ihnen angeknüpft werden kann an seine jeweilige Lebenswelt und seine Lebenserfahrungen.

(Die Autorin, Gymnasiallehrerin in Erziehungswissenschaft, katholischer Theologie und Französisch, sieht nach mehrjähriger Erfahrung in der Erwachsenenbildung ihr gewünschtes Betätigungsfeld im Bereich konzeptioneller und praktischer Bildungsarbeit mit älteren Menschen sowie in der Multiplikatorenschulung.)

 

 
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